„Da musst du unbedingt mal hin“, so der Ratschlag meiner Globetrotter-Freunde. „Malta? Bloß nicht!“, da ist sich meine ehemalige Studienkollegin ganz sicher. Okay, also sich am besten sein eigenes Bild holen. Erasmus+ macht’s möglich. Die erste Ferienwoche im August habe ich auf Malta verbracht und dabei mein Englisch aufpoliert. Das bietet sich an, denn Malta war von 1814 bis 1964 britische Kolonie. Und das merkt man heute noch: an der Sprache, am Essen, an den zum Teil übrig gebliebenen, roten Telefonzellen und am Linksverkehr.
Der erste Eindruck von Valletta, Hauptstadt von Malta und seit 2018 UNESCO-Weltkulturerbe, ist jedoch ganz und gar nicht britisch. Bin ich in Afrika gelandet? Die Sonne knallt, europäische Sauberkeitsmaßstäbe stehen offensichtlich auf der Prio-Liste nicht ganz oben und auf den Straßen zeigt sich eine breite ethnische Vielfalt. Überall Touristenströme, na klar, aber auch zahlreiche Menschen mit vermutlich afrikanischen, indischen und arabischen Wurzeln sind hier wie wuselige Ameisen unterwegs. Geografisch gesehen ist Afrika tatsächlich sehr nah. Malta liegt südlich von Sizilien, etwa auf der Höhe von Sousse in Tunesien.
Zusammen mit den Inseln Gozo und Comino ist Malta das südlichste und kleinste Mitgliedsland der Europäischen Union. Klein, aber dicht an dicht bebaut – und bei näherem Hinsehen wird es jetzt auch europäisch. In Valletta stehen prachtvolle katholische Kirchen, historische Paläste und trutzige Bauwerke des römisch-katholischen Johanniterordens eng nebeneinander.
In einem dieser Paläste, im Palazzo Messina in der St. Christopher Street, findet unser „English Language Course – Intermediate Level“ statt. Das alte Gebäude mit seinen unebenen Treppenstufen und seinen nostalgisch anmutenden Kursräumen hat Charme. Man trifft sich in der großen Cafeteria ganz oben. Hier gibt es nicht nur Wasser, verschiedene Kaffeespezialitäten, süße Snacks und Obst for free, sondern auch einen tollen Ausblick auf Stadt und Meer. Aber das Wichtigste sind hier die „Akteure“, die Teilnehmer/-innen aus vielen verschiedenen europäischen Ländern. Alle „beschnuppern“ sich, lernen sich kennen und freuen sich auf „ihren Kurs plus Kursleiter/-in“ (drei Erasmus-Kurse finden parallel statt). Unser „Boss“ heißt Chris. Er stammt aus Kanada, ist aber schon lange auf Malta zuhause. Und für uns das Wichtigste – er punktet mit seiner humorvollen Art zu unterrichten. Jeden Tag von 09.00 bis 14.00 Uhr üben wir uns in Conversation, Vocabulary, Listening and Teamwork. Es macht Spaß, Aufgaben mit einem Partner / einer Partnerin zu lösen, gemeinsam in der Gruppe über ein Problem zu diskutieren und andere Meinungen zu hören. Hier ist der Europa-Gedanke täglich live zu spüren. Das ist „amazing“ und lässt die Vormittage wie im Flug vergehen.
Die Nachmittage sind für Sightseeing reserviert. Längst haben sich vier Frauen gefunden, die zusammen Malta erkunden. Wir fahren mit dem Bus (das kostenlose Wochen-Ticket gehört erfreulicherweise zu den Benefits der Schule) kreuz und quer über die Insel, erleben schöne Strände, die alte Stadt Mdina, die Nachbarstadt Rabat mit ihren Katakomben, den Aussichtspunkt Dingli Cliffs, den Ort Marsaxlokk mit seinen Meeresschwimmbecken (St. Peter’s Pool), die Hochhäuser von Sliema im Kontrast zu den verträumten Three Cities, die Inseln Gozo und Comino - und auch mal nicht ganz so schöne Ecken von Malta. Der von der Schule empfohlene „Pretty Beach“ entpuppt sich als Ministrand, zwar mit blauem Wasser, aber eben auch mit Ausblick auf ein riesiges Frachtschiff, auf unzählige Container und Industriekräne. Ein Bild wie im Hamburger Hafen. Beach Feeling geht irgendwie anders. Aber nun ja, was „pretty“ ist, liegt eben auch auf Malta im Auge des Betrachters.
Mein persönliches Highlight ist und bleibt die Stadt Valletta mit ihren spektakulären Aussichtsplattformen Lower Barraka Gardens und Upper Barraka Gardens. Von diesen erhöhten Standpunkten aus im Grand Harbour die vorbeigleitenden Schiffe (von Mini-Touri-Boot bis Riesen-Kreuzfahrtschiff) zu beobachten, das ist wirklich „pretty“. Aber hier geht noch mehr, und zwar nach Sonnenuntergang: ein Streifzug durch die maltesische Gastroszene. Dabei wartet auf Experimentierfreudige ein kulinarischer Mix aus britischer, nordafrikanischer und mediterraner Kost. Häufig lecker, manchmal gewöhnungsbedürftig. Dazu oft als kostenlose Beigabe: Live-Musik auf erstaunlich hohem Niveau an ganz vielen Ecken in dieser sehr lebendigen Stadt.
Fazit meiner Malta-Woche mit Erasmus+: Viel gelernt, viel gesehen plus 16 europäische Lehrerkollegen/-innen live erlebt, macht alles in allem glatte 100 Punkte!
Text / Bilder: Sabine Roelen